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Abwehr erkennen und Anerkennung praktizieren

Wie man lernen kann, Konflikte konstruktiv zu lösen.

Text: Barbara Strohschein
Verdichtete Fassung des Beitrags in Die Mediation, Quartal III / 2026

Abwehr ist oft ein leiser Reflex. Ein Mensch fühlt sich angegriffen, missverstanden, in seinem Selbstbild bedroht oder seiner Geltung beraubt. Dann kann er schweigen, ausweichen, recht behalten wollen, abwerten oder zum Gegenangriff übergehen. Nach außen wirkt das mitunter souverän. Tatsächlich aber entsteht eine Schutzbewegung, die den Kontakt unterbricht und Konflikte vertieft.

Anerkennung ist die Gegenkraft. Sie ist weit mehr als Lob. Sie bedeutet, wahrzunehmen, zuzuhören, Unterschiede auszuhalten, Position zu beziehen und den anderen nicht auf seine störende Seite zu reduzieren. Wer Anerkennung erfährt, kann Kritik eher prüfen, ohne sich als Person vernichtet zu fühlen. Wer sich selbst anerkennen kann, muss nicht jede Irritation als Angriff verstehen.

Warum Abwehr Kreise zieht

In vielen Konflikten wird scheinbar um Inhalte gestritten. Darunter liegt jedoch häufig ein Kampf darum, gesehen und ernst genommen zu werden. Wer sich nicht anerkannt fühlt, verteidigt nicht nur eine Sache, sondern auch sein Dasein. Die Abwehr des einen ruft dann die Abwehr des anderen hervor. So entsteht eine Dynamik, in der Rückzug, Kritik und Abwertung einander verstärken.

Abwehr kann unbewusst sein, wenn sie aus Angst, Ohnmacht oder alter Verletzlichkeit entsteht. Sie kann aber auch bewusst eingesetzt werden, etwa um Macht zu gewinnen oder eigene Interessen durchzusetzen. In beiden Fällen ist sie nicht einfach ein Fehler im Verhalten, sondern ein Hinweis: Hier ist etwas bedroht, ungeklärt oder nicht anerkannt.

Anerkennung als praktische Kompetenz

Anerkennung beginnt mit Bewusstsein und Selbstbewusstsein. Wer sich selbst beobachtet, kann fragen: Was geschieht gerade? Worum geht es wirklich? Welche Differenz ist sachlich, welche emotional? Was will ich erreichen, und was braucht der andere, um im Gespräch bleiben zu können?

In Teams, Paaren, Familien oder Verhandlungen hilft es, den Akzeptanzrahmen wiederherzustellen. Dazu gehören Hinhören, Nachfragen, Respekt und die Bereitschaft, nicht sofort zu reagieren. Anerkennung bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden oder Kritik zu verschweigen. Sie bedeutet, Kritik so einzubetten, dass Entwicklung möglich bleibt.

Wo dieser Rahmen bewusst hergestellt wird, können Menschen ihre Interessen zeigen, ohne den anderen zu entwerten.

Wenn jemand merkt, dass sein Einsatz gesehen wird, reduziert sich Abwehr häufig spürbar. Ein Satz wie: Ich sehe, dass du dich bemühst, kann Türen öffnen. Dann wird Kritik nicht zur Entwertung, sondern zur Klärung. So entsteht eine reifere Form des Dialogs: nicht perfekt, aber beweglich, ehrlich und schöpferisch.

Schutz und Offenheit

Niemand ist frei von Abwehr, und jeder Mensch braucht Anerkennung. Entscheidend ist, beides zu verstehen. Abwehr schützt, aber sie isoliert. Anerkennung öffnet, macht aber auch verletzlich. Wer diese Spannung bewusst hält, kann konfliktfähiger werden und die eigene Würde bewahren, ohne den anderen aus dem Blick zu verlieren.

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